AiTM-Angriffe: Wie Angreifer MFA umgehen und was dagegen hilft

von Chris Collier
AiTM-Angriffe: Wie Angreifer MFA umgehen und was dagegen hilft

AiTM-Angriffe: Wie Angreifer die MFA umgehen

Ein AiTM-Angriff (Adversary-in-the-Middle) ist eine fortgeschrittene Form des Diebstahls von Zugangsdaten. Angreifer schalten sich dabei zwischen Nutzer und einen legitimen Authentifizierungsdienst, um Zugangsdaten und Sitzungs-Token abzufangen. So können sie die Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) umgehen, selbst wenn starke Anmeldeverfahren im Einsatz sind.

AiTM-Angriffe haben sich aus klassischen Man-in-the-Middle-Angriffen entwickelt, gehen aber gezielter vor und richten deutlich größeren Schaden an. Im Visier stehen vor allem Cloud-Konten wie Microsoft 365 oder Google Workspace. Fertige Phishing-Kits wie Evilginx oder Tycoon 2FA machen solche Angriffe auch für wenig versierte Täter möglich.

Man-in-the-Middle und Adversary-in-the-Middle im Vergleich 

Bei beiden Angriffen fängt ein Angreifer die Kommunikation zwischen zwei Parteien ab. Sie unterscheiden sich aber in Ausführung, Umfang und Hauptziel. Im Folgenden vergleichen wir beide Methoden und ihre Ziele.

Man-in-the-Middle Angriff

Bei einem MitM-Angriff fängt ein Angreifer die Kommunikation zwischen zwei Parteien unbemerkt ab und verändert sie unter Umständen. Er kann passiv mitlesen oder die ausgetauschten Daten aktiv manipulieren, etwa zwischen Nutzer und Website oder zwischen Client und Server.

Hauptziel eines MitM-Angriffs ist es, Zugangsdaten, Sitzungs-Cookies oder andere sensible Informationen zu stehlen und zu missbrauchen

Adversary-in-the-Middle-Angriff 

Ein AiTM-Angriff richtet sich auf den Anmeldevorgang selbst. Der Angreifer betreibt eine täuschend echte Login-Seite als Reverse Proxy. Sie leitet jede Eingabe in Echtzeit an den echten Dienst weiter. Der Nutzer meldet sich scheinbar normal an und bestätigt sogar den zweiten Faktor. Am Ende hält der Angreifer ein gültiges Sitzungs-Token in der Hand.

So läuft ein AiTM-Angriff ab:

  1. Der Nutzer erhält eine Phishing-Mail mit einem Link auf eine Adresse, die der echten Login-Seite ähnelt.

  2. Der Proxy zeigt die echte Anmeldeseite und reicht Benutzername, Passwort und MFA-Code an den Dienst durch.

  3. Nach der erfolgreichen Anmeldung stellt der Dienst ein Sitzungs-Cookie aus.

  4. Der Proxy fängt dieses Cookie ab. Der Angreifer lädt es in seinen eigenen Browser und ist angemeldet.

MitM und AiTM: Was ist der Unterschied? 

Man-in-the-Middle (MitM) Adversary-in-the-Middle (AiTM)
Ziel
Allgemeine Netzwerkkommunikation
Anmeldesitzungen (MFA)
Vorgehen
Allgemeine Netzwerkkommunikation
Arbeitet als Proxy zwischen Nutzer und Anmeldedienst
Zweck
Datendiebstahl, Manipulation, Spionage
MFA umgehen, Sitzung übernehmen
Ausführung
Angriff auf Netzwerkebene
Webbasierter Phishing-Angriff
Schutz
Verschlüsselung (TLS, VPN, HTTPS), Netzwerksicherheit
Phishing-resistente MFA, Token-Bindung, bedingter Zugriff

Warum hält MFA AiTM-Angriffe nicht auf? 

MFA ist eine einmalige Hürde. Hat der Angreifer das Sitzungs-Token, muss er die MFA nicht mehr durchlaufen. Die Sitzung ist bereits übernommen. Für ihre gesamte Dauer hat er vollen Zugriff auf die Anwendung. Das gestohlene Token kann er so lange wiederverwenden, bis die Sitzung abläuft oder der Nutzer sich abmeldet.

Das betrifft alle Verfahren, bei denen der Nutzer etwas eingibt oder bestätigt, das sich weiterreichen lässt:

MFA-VerfahrenSchutz vor AiTM?Warum
SMS-Code
Nein
Der Nutzer tippt den Code auf der Proxy-Seite ein, der Angreifer reicht ihn sofort weiter.
Einmalcode aus einer Authenticator-App
Nein
Der Code gilt meist 30 Sekunden. Das reicht für die Weiterleitung.
Push-Bestätigung
Nein
Der Nutzer bestätigt eine echte Anmeldung, die über den Proxy läuft.
Push mit Nummernabgleich
Nein
Verhindert versehentliche Freigaben, aber keinen Proxy in Echtzeit.
FIDO2-Sicherheitsschlüssel oder Passkey
Ja
Die Signatur gilt nur für die echte Domain. Der Proxy erhält keine gültige Antwort.

Die US-Behörde CISA stuft deshalb nur FIDO/WebAuthn und PKI-basierte Verfahren wie Smartcards als phishing-resistent ein.

Wie FIDO2 AiTM-Angriffe verhindert 

FIDO2/WebAuthn bindet die Anmeldung mit phishing-resistenten Verfahren an das Gerät. Es werden keine wiederverwendbaren Geheimnisse wie Passwörter oder Codes übertragen, und die Signatur gilt nur für die echte Domain. Die Anmeldung über den Proxy scheitert deshalb, und der Angreifer erhält gar kein Sitzungs-Token. Ohne das legitime Gerät kann er zudem keine gültige Antwort erzeugen. Session Hijacking, der Kern jedes AiTM-Angriffs, läuft damit ins Leere.

FIDO2 nutzt Public-Key-Kryptografie in vier Schritten:

  1. Der private Schlüssel liegt sicher auf dem FIDO2-Authenticator, etwa einem Hardware-Sicherheitsschlüssel.
  2. Der öffentliche Schlüssel ist bei der Website oder dem Dienst registriert.
  3. Bei der Anmeldung sendet die Website eine Challenge an das Gerät des Nutzers.
  4. Der FIDO2-Authenticator signiert die Challenge mit dem privaten Schlüssel, und zwar nur für die Domain, für die er registriert wurde.

Selbst wenn ein Angreifer eine Anmeldeanfrage abfängt und weiterleitet, kann er den privaten Schlüssel nicht stehlen, denn dieser verlässt das Gerät des Nutzers nie. Jedes Gerät erzeugt für jede Website einen eigenen privaten Schlüssel. Ein Angreifer kann diese Schlüssel weder exportieren noch auf ein anderes Gerät übertragen. Das gilt für gerätegebundene Passkeys, etwa auf einem Hardware-Sicherheitsschlüssel. Den Unterschied zu synchronisierten Passkeys erklärt unser Beitrag Passkeys für Unternehmen.

Weitere Schutzmaßnahmen 

  • Richtlinien für bedingten Zugriff einführen, die Anmeldungen abhängig vom Vertrauensstatus des Geräts, vom Standort und von Verhaltensanalysen einschränken.
  • Token-Bindung einsetzen, sodass Sitzungs-Token immer an ein bestimmtes Gerät gebunden sind.
  • Auffällige Sitzungen überwachen, um verdächtige Anmeldungen von unbekannten Orten oder Geräten zu erkennen und zu beenden. Auch die Wiederverwendung von Sitzungs-Token überwachen.
  • Netzwerkbasierte Schutzmaßnahmen mit TLS-Inspektion und Zero-Trust-Modellen einsetzen, um AiTM-Proxys zu erkennen.
  • E-Mail-Authentifizierung mit DMARC, DKIM und SPF einführen, um gefälschte Absender zu verhindern. Die drei Verfahren prüfen, ob eine E-Mail tatsächlich von der angegebenen Domain stammt.

Fazit

MitM-Angriffe sind eine breite Kategorie von Methoden, die gezielt die Netzwerkkommunikation angreifen. AiTM-Phishing geht feiner vor: Es ist darauf ausgelegt, den Anmeldevorgang zu kapern und die MFA zu umgehen.

Unternehmen sollten deshalb beides tun: das Netzwerk gegen MitM absichern und phishing-resistente Anmeldeverfahren einführen, die das Umgehen der MFA verhindern. Sicherheitsstrategien, die auf passwortlose FIDO2-Authentifizierung setzen, schützen auch dann, wenn sich AiTM-Techniken weiterentwickeln.

Ein Beispiel ist der Swissbit iShield Key 2. Er unterstützt FIDO2/WebAuthn, funktioniert per USB-A, USB-C oder NFC und ist auch als Variante mit FIPS 140-3 Level 3 erhältlich.

Häufige Fragen zu AiTM-Angriffen

Ein Man-in-the-Middle-Angriff hört allgemeinen Netzwerkverkehr ab oder verändert ihn. Ein AiTM-Angriff zielt auf die Anmeldung: Eine gefälschte Login-Seite leitet alles an den echten Dienst weiter und fängt danach das Sitzungs-Token ab.

Nein. SMS-Codes, Einmalcodes aus Apps und Push-Bestätigungen lassen sich über einen Proxy weiterreichen. FIDO2-Sicherheitsschlüssel und Passkeys signieren dagegen nur für die echte Domain. Über die gefälschte Seite kommt die Anmeldung deshalb nicht zustande.

Nicht zuverlässig. Der Nutzer gibt den Code selbst auf der Phishing-Seite ein, und der Angreifer verwendet ihn sofort. Auch der Nummernabgleich bei Push-Anfragen hilft wenig, weil die Anmeldung ja tatsächlich stattfindet.

Typisch ist eine Anmeldung von einem unbekannten Ort kurz nach der regulären Anmeldung des Nutzers. Ein weiteres Signal ist dasselbe Sitzungs-Token auf zwei Geräten. Viele Identitätsanbieter melden solche Muster als riskante Anmeldung.

Quellen

  • CISA: Implementing Phishing-Resistant MFA (Fact Sheet, 2022), cisa.gov

  • NIST SP 800-63B-4: Digital Identity Guidelines, Authentication and Authenticator Management (2025), pages.nist.gov

  • FIDO Alliance: Passkeys, fidoalliance.org/passkeys

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Chris Collier

Chris Collier setzt sich als Technologe für alle Themen rund um digitale Identitäten ein und verantwortet bei Swissbit Technical Product Marketing und Business Development. Er bringt 20 Jahre Erfahrung in technischem Produktmarketing und Produktmanagement mit. Chris unterstützt Unternehmen dabei, die komplexen Aufgaben im Identitäts- und Zugriffsmanagement (IAM) zu planen, umzusetzen und zu steuern.

Technologien für SSO, MFA, PAM und IGA (Single Sign-on, Multi-Faktor-Authentifizierung, Privileged Access Management, Identity Governance and Administration) werden immer komplexer. Chris kennt aus eigener Erfahrung den Aufwand, mehrere moderne und ältere Technologien zu betreiben, die demselben Zweck dienen, aber weder zueinander noch zu den Anforderungen des Unternehmens passen. Folgen Sie ihm auf LinkedIn.

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