
Ein AiTM-Angriff (Adversary-in-the-Middle) ist eine fortgeschrittene Form des Diebstahls von Zugangsdaten. Angreifer schalten sich dabei zwischen Nutzer und einen legitimen Authentifizierungsdienst, um Zugangsdaten und Sitzungs-Token abzufangen. So können sie die Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) umgehen, selbst wenn starke Anmeldeverfahren im Einsatz sind.
AiTM-Angriffe haben sich aus klassischen Man-in-the-Middle-Angriffen entwickelt, gehen aber gezielter vor und richten deutlich größeren Schaden an. Im Visier stehen vor allem Cloud-Konten wie Microsoft 365 oder Google Workspace. Fertige Phishing-Kits wie Evilginx oder Tycoon 2FA machen solche Angriffe auch für wenig versierte Täter möglich.
Bei beiden Angriffen fängt ein Angreifer die Kommunikation zwischen zwei Parteien ab. Sie unterscheiden sich aber in Ausführung, Umfang und Hauptziel. Im Folgenden vergleichen wir beide Methoden und ihre Ziele.
Bei einem MitM-Angriff fängt ein Angreifer die Kommunikation zwischen zwei Parteien unbemerkt ab und verändert sie unter Umständen. Er kann passiv mitlesen oder die ausgetauschten Daten aktiv manipulieren, etwa zwischen Nutzer und Website oder zwischen Client und Server.
Hauptziel eines MitM-Angriffs ist es, Zugangsdaten, Sitzungs-Cookies oder andere sensible Informationen zu stehlen und zu missbrauchen
Ein AiTM-Angriff richtet sich auf den Anmeldevorgang selbst. Der Angreifer betreibt eine täuschend echte Login-Seite als Reverse Proxy. Sie leitet jede Eingabe in Echtzeit an den echten Dienst weiter. Der Nutzer meldet sich scheinbar normal an und bestätigt sogar den zweiten Faktor. Am Ende hält der Angreifer ein gültiges Sitzungs-Token in der Hand.
So läuft ein AiTM-Angriff ab:
Der Nutzer erhält eine Phishing-Mail mit einem Link auf eine Adresse, die der echten Login-Seite ähnelt.
Der Proxy zeigt die echte Anmeldeseite und reicht Benutzername, Passwort und MFA-Code an den Dienst durch.
Nach der erfolgreichen Anmeldung stellt der Dienst ein Sitzungs-Cookie aus.
Der Proxy fängt dieses Cookie ab. Der Angreifer lädt es in seinen eigenen Browser und ist angemeldet.
| Man-in-the-Middle (MitM) | Adversary-in-the-Middle (AiTM) | |
|---|---|---|
Ziel | Allgemeine Netzwerkkommunikation | Anmeldesitzungen (MFA) |
Vorgehen | Allgemeine Netzwerkkommunikation | Arbeitet als Proxy zwischen Nutzer und Anmeldedienst |
Zweck | Datendiebstahl, Manipulation, Spionage | MFA umgehen, Sitzung übernehmen |
Ausführung | Angriff auf Netzwerkebene | Webbasierter Phishing-Angriff |
Schutz | Verschlüsselung (TLS, VPN, HTTPS), Netzwerksicherheit | Phishing-resistente MFA, Token-Bindung, bedingter Zugriff |
MFA ist eine einmalige Hürde. Hat der Angreifer das Sitzungs-Token, muss er die MFA nicht mehr durchlaufen. Die Sitzung ist bereits übernommen. Für ihre gesamte Dauer hat er vollen Zugriff auf die Anwendung. Das gestohlene Token kann er so lange wiederverwenden, bis die Sitzung abläuft oder der Nutzer sich abmeldet.
Das betrifft alle Verfahren, bei denen der Nutzer etwas eingibt oder bestätigt, das sich weiterreichen lässt:
| MFA-Verfahren | Schutz vor AiTM? | Warum |
|---|---|---|
SMS-Code | Nein | Der Nutzer tippt den Code auf der Proxy-Seite ein, der Angreifer reicht ihn sofort weiter. |
Einmalcode aus einer Authenticator-App | Nein | Der Code gilt meist 30 Sekunden. Das reicht für die Weiterleitung. |
Push-Bestätigung | Nein | Der Nutzer bestätigt eine echte Anmeldung, die über den Proxy läuft. |
Push mit Nummernabgleich | Nein | Verhindert versehentliche Freigaben, aber keinen Proxy in Echtzeit. |
FIDO2-Sicherheitsschlüssel oder Passkey | Ja | Die Signatur gilt nur für die echte Domain. Der Proxy erhält keine gültige Antwort. |
Die US-Behörde CISA stuft deshalb nur FIDO/WebAuthn und PKI-basierte Verfahren wie Smartcards als phishing-resistent ein.
FIDO2/WebAuthn bindet die Anmeldung mit phishing-resistenten Verfahren an das Gerät. Es werden keine wiederverwendbaren Geheimnisse wie Passwörter oder Codes übertragen, und die Signatur gilt nur für die echte Domain. Die Anmeldung über den Proxy scheitert deshalb, und der Angreifer erhält gar kein Sitzungs-Token. Ohne das legitime Gerät kann er zudem keine gültige Antwort erzeugen. Session Hijacking, der Kern jedes AiTM-Angriffs, läuft damit ins Leere.
FIDO2 nutzt Public-Key-Kryptografie in vier Schritten:
Selbst wenn ein Angreifer eine Anmeldeanfrage abfängt und weiterleitet, kann er den privaten Schlüssel nicht stehlen, denn dieser verlässt das Gerät des Nutzers nie. Jedes Gerät erzeugt für jede Website einen eigenen privaten Schlüssel. Ein Angreifer kann diese Schlüssel weder exportieren noch auf ein anderes Gerät übertragen. Das gilt für gerätegebundene Passkeys, etwa auf einem Hardware-Sicherheitsschlüssel. Den Unterschied zu synchronisierten Passkeys erklärt unser Beitrag Passkeys für Unternehmen.
MitM-Angriffe sind eine breite Kategorie von Methoden, die gezielt die Netzwerkkommunikation angreifen. AiTM-Phishing geht feiner vor: Es ist darauf ausgelegt, den Anmeldevorgang zu kapern und die MFA zu umgehen.
Unternehmen sollten deshalb beides tun: das Netzwerk gegen MitM absichern und phishing-resistente Anmeldeverfahren einführen, die das Umgehen der MFA verhindern. Sicherheitsstrategien, die auf passwortlose FIDO2-Authentifizierung setzen, schützen auch dann, wenn sich AiTM-Techniken weiterentwickeln.
Ein Beispiel ist der Swissbit iShield Key 2. Er unterstützt FIDO2/WebAuthn, funktioniert per USB-A, USB-C oder NFC und ist auch als Variante mit FIPS 140-3 Level 3 erhältlich.
Ein Man-in-the-Middle-Angriff hört allgemeinen Netzwerkverkehr ab oder verändert ihn. Ein AiTM-Angriff zielt auf die Anmeldung: Eine gefälschte Login-Seite leitet alles an den echten Dienst weiter und fängt danach das Sitzungs-Token ab.
Nein. SMS-Codes, Einmalcodes aus Apps und Push-Bestätigungen lassen sich über einen Proxy weiterreichen. FIDO2-Sicherheitsschlüssel und Passkeys signieren dagegen nur für die echte Domain. Über die gefälschte Seite kommt die Anmeldung deshalb nicht zustande.
Nicht zuverlässig. Der Nutzer gibt den Code selbst auf der Phishing-Seite ein, und der Angreifer verwendet ihn sofort. Auch der Nummernabgleich bei Push-Anfragen hilft wenig, weil die Anmeldung ja tatsächlich stattfindet.
Typisch ist eine Anmeldung von einem unbekannten Ort kurz nach der regulären Anmeldung des Nutzers. Ein weiteres Signal ist dasselbe Sitzungs-Token auf zwei Geräten. Viele Identitätsanbieter melden solche Muster als riskante Anmeldung.
CISA: Implementing Phishing-Resistant MFA (Fact Sheet, 2022), cisa.gov
NIST SP 800-63B-4: Digital Identity Guidelines, Authentication and Authenticator Management (2025), pages.nist.gov
FIDO Alliance: Passkeys, fidoalliance.org/passkeys